Was war die Motivation, diesen Text zu verfassen? Wer in der Schweiz Radio hört, begegnet täglich einer bestimmten Formulierung: dem «russischen Angriffskrieg». Die Wortwahl ist klar, unmissverständlich und politisch gewollt. Russland ist der Aggressor, die Ukraine das Opfer, der Westen der Verteidiger des Rechts. Dann kommt der März 2026. Israel und die Vereinigten Staaten greifen gemeinsam den Iran an. Raketen treffen iranisches Staatsgebiet. Menschen sterben. Wie nennt das SRF diesen Vorgang? Einen «Angriffskrieg» hört man nicht. Es ist ein «Vergeltungsschlag», eine «präventive Massnahme», ein «militärisches Eingreifen». Die Worte sind plötzlich weich, kontextualisiert, verständnisvoll.
Diese sprachliche Asymmetrie ist kein Zufall. Sie ist das Symptom eines tiefer liegenden Problems. Der Westen, und damit meine ich die politischen Eliten, die Leitmedien und die damit verbundenen Institutionen, misst mit zweierlei Ellen. Er erhebt sich zum Richter über das Völkerrecht, wenn es ihm nützt, und schaut weg, wenn die eigenen Hände schmutzig werden. Was mich dabei am meisten beunruhigt: Diese Doppelmoral wurzelt in einem massiven Gedächtnisschwund. Man verdrängt die eigene Geschichte oder selektiert sie so sorgfältig, dass nur noch das übrig bleibt, was die eigene Rolle in günstigem Licht erscheinen lässt. Drei Konflikte stehen dabei exemplarisch für dieses Muster: Ukraine und Russland, Israel und Palästina sowie der Iran. Alle drei verdienen eine ehrliche historische Aufarbeitung, auch dann und gerade dann, wenn sie unbequem ist.
Ukraine und Russland: Was vor 2022 verschwiegen wird
Der russische Einmarsch in die Ukraine vom 24. Februar 2022 ist ein klarer Bruch des Völkerrechts. Das steht ausser Frage, und daran soll auch dieser Beitrag nicht rütteln. Was allerdings in der westlichen Berichterstattung fast vollständig ausgeblendet wird, ist alles, was davor kam. Als hätte die Geschichte am 24. Februar 2022 begonnen. Als gäbe es kein Davor.
Die NATO-Osterweiterung und gebrochene Versprechen
Es beginnt mit dem Ende des Kalten Krieges. Als die Sowjetunion zerfiel und Michail Gorbatschow der deutschen Wiedervereinigung zustimmte, gab es Zusicherungen westlicher Politiker, darunter des amerikanischen Aussenministers James Baker, die NATO werde sich «keinen Zoll» nach Osten ausdehnen. Diese Versprechen wurden nie schriftlich fixiert, was der Westen später als Freifahrtschein interpretierte. Doch die politische Botschaft war damals unmissverständlich. Was folgte, war eine schrittweise NATO-Osterweiterung: 1999 Polen, Ungarn und Tschechien, 2004 die baltischen Staaten und weitere Länder, 2008 der Bukarester Gipfel, auf dem der Ukraine und Georgien eine künftige NATO-Mitgliedschaft in Aussicht gestellt wurde.
Dass diese Entwicklung Russland nicht kalt lassen würde, war absehbar und wurde auch absehbar gemacht. George Kennan, einer der bedeutendsten amerikanischen Geostrategen des 20. Jahrhunderts und Vater der Eindämmungspolitik gegenüber der UdSSR, warnte bereits 1997 eindringlich vor einer NATO-Osterweiterung. Er nannte sie einen «tragischen Fehler». Der Politikwissenschaftler John Mearsheimer von der Universität Chicago sagte in einem vielbeachteten Vortrag, der Westen provoziere die Krise in der Ukraine geradezu. Diese Stimmen wurden nicht erhört.
Das Argument vor der eigenen Haustür
An dieser Stelle möchte ich eine Frage stellen, die in der westlichen Debatte fast nie gestellt wird: Wie würden die USA reagieren, wenn Russland oder China ein Militärbündnis mit Mexiko oder Kuba schlössen und dort Truppen und Raketen stationierten?
Die Antwort kennen wir bereits aus der Geschichte. Im Oktober 1962 brachte die Kubakrise die Welt an den Rand eines Atomkrieges, weil die Sowjetunion Raketen auf Kuba stationieren wollte, keine 150 Kilometer von der amerikanischen Küste entfernt. Präsident Kennedy blockierte die Insel mit einer Seestreitmacht und stellte der Sowjetunion ein Ultimatum. Der Westen feierte das als heldenhaftes Auftreten für die eigene Sicherheit. Niemand sagte damals, Amerika sei ein Aggressor. Und das war es in diesem spezifischen Sinne auch nicht, denn keine Grossmacht toleriert feindliche Militärbündnisse vor der eigenen Haustür.
Warum gilt dieses Prinzip für die USA, aber nicht für Russland? Ich behaupte nicht, dass Russlands Vorgehen in der Ukraine dadurch gerechtfertigt wird. Aber die intellektuelle Ehrlichkeit gebietet es, diese Frage zu stellen. Die Monroe-Doktrin, mit der die USA seit dem 19. Jahrhundert fremde Einflussnahme in der westlichen Hemisphäre als Angriff auf sich selbst definieren, ist bis heute gültige amerikanische Aussenpolitik. Wer also Russlands Reaktion auf die NATO-Erweiterung als schiere Aggression ohne jeden Kontext darstellt, sollte konsequenterweise auch die Monroe-Doktrin als imperialistische Aggression verurteilen.
Der vergessene Krieg im Donbass
Dann kam der Maidan 2014. In der westlichen Erzählung war es eine spontane demokratische Revolution. Was dabei oft vergessen wird: Ein abgehörtes Telefonat zwischen der damaligen US-Staatssekretärin Victoria Nuland und dem US-Botschafter in Kiew zeigte, wie Washington aktiv mitbestimmte, wer die neue ukrainische Regierung anführen sollte. «Fuck the EU», sagte Nuland, als Europa einen anderen Kurs bevorzugte. Das ist keine Verschwörungstheorie, das Gespräch ist dokumentiert und öffentlich zugänglich. Was folgte, war der vergessene Krieg: Im Donbass kämpften von 2014 bis 2022 ukrainische Streitkräfte und prorussische Separatisten gegeneinander. Rund 14’000 Menschen starben in diesen acht Jahren. Die Minsker Abkommen sollten den Konflikt befrieden, doch sie scheiterten. Pikant ist dabei die Aussage der ehemaligen deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel, die in einem Interview erklärte, Minsk sei damals vor allem als Zeitgewinn gedacht gewesen, um der Ukraine die Möglichkeit zu geben, sich militärisch aufzurüsten. Das ist ein bemerkenswertes Eingeständnis: Diplomatie als Täuschungsmanöver.Nochmals: Russlands Invasion ist durch nichts zu rechtfertigen. Aber wer die Geschichte erst 2022 beginnen lässt, versteht den Konflikt nicht und kann ihn auch nicht lösen.
Israel und Palästina: Auf welchem Fundament steht der Gebietsanspruch?
Kaum ein Thema ist im Westen so vermint wie die Frage nach dem historischen Anspruch Israels auf das Land zwischen Jordan und Mittelmeer. Wer kritische Fragen stellt, riskiert schnell, in eine bestimmte Ecke gedrängt zu werden. Aber kritische Fragen zu stellen ist keine Feindseligkeit, es ist intellektuelle Redlichkeit.
Die koloniale Ausgangslage
Die moderne Grundlage des israelischen Staates geht auf die Balfour-Deklaration von 1917 zurück, in der die britische Regierung der zionistischen Bewegung die Unterstützung für eine «nationale Heimstätte» des jüdischen Volkes in Palästina zusagte, einem Gebiet, das damals von einer überwiegend arabischen Bevölkerung bewohnt war. Gleichzeitig hatte Grossbritannien den Arabern in der Region Eigenstaatlichkeit versprochen, wenn sie im Ersten Weltkrieg gegen das Osmanische Reich kämpften. Aus einem Land wurden so zwei Versprechen gemacht, ein klassisches Merkmal kolonialer Interessenpolitik. 1948, mit der Staatsgründung Israels, erlebten die Palästinenser, was sie bis heute die Nakba nennen, die Katastrophe. Rund 700’000 Menschen wurden vertrieben oder flohen. Ganze Dörfer wurden aufgegeben, ausgelöscht oder umbenannt. Die UN-Resolution 194, die das Rückkehrrecht der palästinensischen Flüchtlinge festhielt, wurde bis heute nicht umgesetzt. Im westlichen Mainstream kommt die Nakba kaum vor. Sie ist eine Geschichte, die nicht in das Narrativ passt.
Besatzung, Siedlungen und Gaza
Was seither folgte, ist bekannt, oder sollte es sein: eine jahrzehntelange Besatzung des Westjordanlandes, der Bau von Siedlungen, die nach internationalem Recht illegal sind und dennoch weiter ausgebaut werden, während die Weltgemeinschaft zuschaut. Gaza wurde nach dem Rückzug Israels 2005 zu einem der am dichtesten besiedelten Gebiete der Welt, dessen Luft-, See- und Landgrenzen Israel kontrolliert. Der frühere britische Premierminister Tony Blair, wahrlich kein linker Agitator, sprach einmal von Gaza als «Freiluftgefängnis». Der 7. Oktober 2023 war ein Massaker. Die Terroranschläge der Hamas gegen israelische Zivilisten sind durch nichts zu rechtfertigen. Aber auch hier muss man fragen: Wächst Terrorismus im Vakuum? Oder ist er oft das verzweifelte und gleichzeitig verbrecherische Produkt einer jahrzehntelangen Hoffnungslosigkeit, Einschränkung und Erniedrigung? Diese Frage zu stellen bedeutet nicht, Terror zu billigen. Es bedeutet, ihn verstehen zu wollen, was die Voraussetzung jeder nachhaltigen Lösung ist. Der Westen erkennt Israels Selbstverteidigungsrecht unmittelbar an, und das ist legitim. Aber er versagt dabei, palästinensischen Widerstand auch nur zu kontextualisieren. Diese Asymmetrie macht ihn zum parteiischen Akteur, nicht zum Vermittler.
Iran: Ressourcen, Regime Change und die lange Hand des Westens
Wer verstehen will, warum der Iran so ist, wie er ist, muss ins Jahr 1953 zurückgehen. Mohammed Mossadegh war ein demokratisch gewählter iranischer Premierminister, liberal, nationalist, tief überzeugt von der staatlichen Souveränität seines Landes. 1951 nationalisierte er die iranische Ölindustrie, die bis dahin faktisch von der britischen Anglo-Persian Oil Company, dem späteren BP, kontrolliert wurde. Die Antwort des Westens war ein CIA-gesteuerter und vom britischen Geheimdienst MI6 mitorganisierter Putsch, bekannt als Operation Ajax. Mossadegh wurde gestürzt, der Schah Reza Pahlavi als willfährige Marionette des Westens wieder an die Macht gebracht.
Der Schah und die Folgen der westlichen Einmischung
Was folgte, war ein autoritäres Regime, gestützt vom Westen, das mit seinem Geheimdienst SAVAK politische Oppositionelle folterte und ermordete. Solange das iranische Öl floss und der Schah ein verlässlicher Partner gegen die Sowjetunion war, interessierten die Menschenrechtslage im Iran die westlichen Regierungen herzlich wenig. Erst als 1979 die Islamische Revolution die Verhältnisse umkehrte und aus einem westlichen Vasallenstaat ein Feindstaat wurde, entdeckte der Westen plötzlich sein Herz für das iranische Volk.
Die Islamische Revolution von 1979 ist ohne diesen Kontext nicht zu verstehen. Sie war auch eine Reaktion auf Jahrzehnte westlicher Einmischung, Ausbeutung und Unterstützung eines repressiven Regimes. Das macht das theokratische Regime der Mullahs nicht besser, aber es erklärt, warum tiefes Misstrauen gegenüber dem Westen im Iran bis heute fest verankert ist.
Das gescheiterte Atomabkommen und der Angriff 2026
2015 schien ein diplomatischer Durchbruch gelungen: Das Atomabkommen JCPOA, mühsam ausgehandelt zwischen dem Iran und den UN-Vetomächten plus Deutschland, legte den iranischen Nuklearkurs still und versprach wirtschaftliche Erleichterungen. 2018 zog Donald Trump die USA einseitig aus dem Abkommen zurück, ohne dass der Iran gegen seine Verpflichtungen verstossen hatte. Das war ein eklatanter Bruch der Vertragstreue durch den Westen. Als der Iran danach begann, sein Nuklearprogramm wieder hochzufahren, wurde er umgehend als Gefahr für die Weltordnung bezeichnet. Die Frage, wer den Vertrag gebrochen hatte, verschwand aus der Berichterstattung. Und jetzt, im März 2026, greifen Israel und die USA den Iran an. Was als präventiver Schlag gegen Atomanlagen präsentiert wird, folgt einer Logik, die so alt ist wie die westliche Geopolitik im Nahen Osten: Ressourcen sichern, Einflusssphären schützen, missliebige Regime destabilisieren. Dass dieser Angriff nicht als «Angriffskrieg» bezeichnet wird, sagt viel, aber nicht über den Iran, sondern über den Westen.
Das Muster: Selektive Empörung als Propagandainstrument
Was alle drei Konflikte verbindet, ist ein immer gleiches Schema. Der Westen definiert, wer Aggressor und wer Opfer ist, und diese Klassifikation folgt nicht dem Völkerrecht, sondern dem geopolitischen Eigeninteresse. Russland greift an: Angriffskrieg. Israel greift an: Selbstverteidigung. Die USA greifen an: Führung der freien Welt. Sprachliche Einrahmung, im Fachjargon «Framing» genannt, ist dabei das mächtigste Instrument. Wer die Begriffe setzt, setzt die Wahrnehmung. «Angriffskrieg» ist moralisch eindeutig verurteilenswert. «Vergeltungsschlag» klingt nach Notwehr, nach nachvollziehbarer Reaktion. Beide Worte können für dieselbe militärische Handlung verwendet werden, je nachdem, wer der Täter ist. Der Westen beruft sich gerne auf die «regelbasierte internationale Ordnung». Doch wessen Regeln sind das? Regeln, die man selbst nach dem Zweiten Weltkrieg geschrieben hat, gerne zitiert, wenn sie anderen zum Vorwurf gemacht werden können, aber bequem ignoriert, wenn sie die eigenen Handlungen einschränken würden. Der Irakkrieg 2003 ohne UN-Mandat, auf der Basis gefälschter Geheimdienstberichte. Die Intervention in Libyen 2011, die das Land bis heute in Chaos stürzte. Jahrzehnte der Unterstützung für autoritäre Regime im arabischen Raum. Alles «regelbasiert»? Es geht dabei nicht darum, alle westlichen Werte zu verwerfen. Demokratie, Menschenrechte, Rechtsstaat, das sind Errungenschaften, die es zu verteidigen lohnt. Aber man kann diese Werte nicht glaubwürdig exportieren, wenn man sie zu Hause selektiv anwendet. Wer andere belehrt, muss sich selbst messen lassen wollen.
Sanktionen als Machtinstrument: Wenn Geldgeber unantastbar sind
Ein besonders aufschlussreiches Kapitel westlicher Doppelmoral ist der Umgang mit Sanktionen. Nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine wurden russische Oligarchen weltweit mit bemerkenswerter Entschlossenheit verfolgt. Yachten wurden beschlagnahmt, Vermögen eingefroren, Reiseverbote verhängt. Das Instrument der Sanktion wurde mit einer Schnelligkeit und Härte eingesetzt, die man so noch kaum gesehen hatte. Ich frage mich: Wie oft hätten bei den völkerrechtswidrigen Kriegen westlicher Staaten dieselben Massstäbe angewendet werden müssen? Beim Irakkrieg 2003, beim Libyen-Feldzug 2011, bei den Drohnenangriffen in Pakistan und Jemen ohne jedes Mandat – wer wurde dafür mit Sanktionen belegt? Wessen Konten wurden eingefroren? Wessen Immobilien wurden beschlagnahmt? Die Antwort ist bekannt: niemandes. Und dann drängt sich eine noch unbequemere Frage auf. Wer finanziert amerikanische Präsidentschaftswahlkämpfe? Rüstungskonzerne, Energiemultis, Finanzinstitute, deren Geschäftsmodelle direkt von diesen Kriegen profitieren. Diese Geldgeber haben Lobbyisten in Washington, Sitzplätze bei Staatsempfängen und direkten Zugang zu den Entscheidungsträgern, die über Krieg und Frieden befinden. Wie oft hätten Personen aus diesem Umfeld nach den Massstäben, die man gegenüber russischen Oligarchen anlegt, auf eine Sanktionsliste gesetzt werden müssen? Ich behaupte: sehr oft. Stattdessen erhalten sie Steuervorteile, Rüstungsaufträge und Auszeichnungen. Das ist kein Zufall und kein Versehen. Es ist das System. Sanktionen werden nicht nach dem Grundsatz verhängt, wer gegen das Völkerrecht verstossen hat. Sie werden verhängt nach dem Grundsatz, wer sich dem Westen widersetzt. Das ist ein fundamentaler Unterschied, und er müsste in jeder seriösen Berichterstattung klar benannt werden.
Das Schweizer Paradox: Ducken vor den Mächtigen
Die Schweiz hat dabei eine besondere Rolle, die ich nicht unerwähnt lassen möchte. Als neutrales Land, als Sitz internationaler Institutionen, als Land mit einer langen humanitären Tradition, könnte sie genau jenen Anspruch auf Konsistenz verkörpern, den der Rest der westlichen Welt so auffällig vermissen lässt. Stattdessen erleben wir etwas anderes. Die Schweiz übernahm nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine die EU-Sanktionen nahezu vollständig und in Rekordzeit. Ich bestreite nicht, dass dieser Krieg Reaktionen verdiente. Was mich aber beschäftigt, ist das Muster dahinter. Denn dieselbe Schweiz, die gegenüber Russland so entschieden aufgetreten ist, verhält sich gegenüber der EU und den USA bemerkenswert zurückhaltend, um es höflich auszudrücken. Warum ist das so? Die Antwort ist eigentlich simpel, auch wenn sie selten so offen ausgesprochen wird: wirtschaftliche und geopolitische Abhängigkeit. Die Schweiz ist mit ihrer Exportwirtschaft, ihrem Finanzplatz und ihrem Arbeitsmarkt so eng mit der EU und den USA verflochten, dass ein ernsthafter Konflikt mit diesen Partnern existenzielle Konsequenzen hätte. Gegen Russland Sanktionen zu ergreifen kostet die Schweiz vergleichsweise wenig. Gegen amerikanische Völkerrechtsverstösse öffentlich Stellung zu beziehen oder gegen EU-Interessen aufzutreten würde wirtschaftlich schmerzen. Das ist Realpolitik, und ich kann das bis zu einem gewissen Grad verstehen. Kleine Länder haben in der Machtpolitik keine unbeschränkte Handlungsfreiheit. Was mich aber stört, ist die Selbstlüge, die damit einhergeht. Man duckt sich vor den Mächtigen und tut dabei so, als handle man aus Überzeugung. Man sanktioniert Russland und schweigt zu den Eskapaden der USA, und präsentiert das als neutrale, wertebasierte Aussenpolitik. Das ist keine Neutralität. Das ist Konformismus mit Schweizer Fahne. Von einer wirklich neutralen Schweiz kann längst nicht mehr gesprochen werden. Die Formel ist eigentlich einfach: Aufbäumen gegen Russland, Ducken vor EU und USA. Das ist die Schweiz im Jahr 2026. Ich finde, diese Realität sollte in den Medien offen benannt werden, anstatt hinter dem Mythos der Neutralität versteckt zu bleiben. Ehrlichkeit über die eigenen Abhängigkeiten wäre ein erster Schritt zu einer glaubwürdigeren Aussenpolitik.
Fazit
Was ich hier schreibe, wird von manchen als «Whataboutism» abgetan werden, als billiges Ablenkungsmanöver, das eigene Fehlverhalten mit dem Fehlverhalten anderer entschuldigt. Doch das ist nicht der Anspruch dieser Zeilen. Es geht nicht darum, russische Panzer mit westlichen Drohnen aufzuwiegen oder israelische Bomben mit palästinensischem Raketenbeschuss zu verrechnen. Es geht darum, Konsistenz einzufordern. Gleiche Massstäbe für alle, das ist keine linke oder rechte Forderung, das ist elementare intellektuelle Redlichkeit. Geschichte ist kein Zierat, den man nach Belieben ausstellt oder in den Keller räumt. Sie ist der Kompass, mit dem wir die Gegenwart einordnen. Wer die Geschichte der NATO-Osterweiterung ausblendet, versteht den Ukraine-Krieg nicht. Wer die Kubakrise vergisst, versteht nicht, warum die USA selbst niemals eine feindliche Militärallianz vor der eigenen Haustür dulden würden. Wer die Nakba verschweigt, versteht den Israel-Palästina-Konflikt nicht. Wer 1953 nicht kennt, versteht den Iran nicht. Wer nicht benennt, dass westliche Sanktionen nach Machtlogik und nicht nach Rechtsgrundsätzen verhängt werden, versteht das System nicht. Und wer nichts von alldem wissen will, dem kann man schwerlich trauen, wenn er sich als Hüter der internationalen Ordnung bezeichnet.
Die Schweiz steht dabei als Spiegel für ein breiteres westliches Problem. Wirtschaftliche Abhängigkeiten sind real, und niemand kann von einem kleinen Land verlangen, sich in den eigenen Ruin zu manövrieren. Aber Abhängigkeit und Selbstlüge sind zweierlei. Man kann realpolitisch handeln und trotzdem ehrlich darüber sein, warum man es tut. Wer gegenüber Russland die Stimme erhebt und gegenüber Washington und Brüssel schweigt, und beides als Ausdruck derselben neutralen Überzeugung verkauft, der lügt sich selbst an. Und wer sich selbst anlügt, lügt zwangsläufig auch seine Leserinnen und Zuschauer an. Der geschichtsvergessene Westen ist nicht nur ein akademisches Problem. Er ist eine politische Gefahr. Denn wer seine eigene Geschichte verdrängt und seine eigenen Abhängigkeiten verschweigt, ist dazu verdammt, die schlimmsten Kapitel dieser Geschichte zu wiederholen, und dabei noch nicht einmal zu merken, dass er es tut.